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» 12.05.2008 14:59

Fischersches Investitionstheorem


"Zeit lässt sich verschwenden, Geld nicht.“
Warum mache ich mir ständig Gedanken darüber, wie viel Geld ich ausgebe? Ist es, weil ich meinen Geldbeutel beim Surfen im Meer verloren habe und mir langsam aber sicher das Bargeld ausgeht? Weil ich ein unbezahltes Praktikum auf Teneriffa absolviere? Ist es, weil ich geizig bin? Ist es der „TEuro“?
Jeder der genannten Punkte mag ein Fünkchen Wahrheit in sich tragen, doch die eigentliche Ursache für mein Verhalten – und das von Milliarden anderer Menschen - liegt in der Unkenntnis der Zusammenhänge zwischen Geld, Leben und Reichtum begründet. Die nachfolgende Argumentation entwickelte sich in zahlreichen philosophisch angehauchten Dialogen mit meinem 77-Cent-Ein-Liter-Penner-Maß-Bier. Nach nun mehrmonatigem, exzessivem Studium der Materie sind wir mehr denn je von der Unwiderlegbarkeit unserer Thesen überzeugt. Da der maßgebliche Anteil der Denkarbeit auf meinen Geist zurückgeht, sind wir uns einig, dass dieser Gedankengang zu gekommener Zeit als „Fischersches Investitionstheorem“ Einzug in die Wirtschaftsgeschichtsbücher halten soll.
Das Leben in der heutigen Zeit ist geprägt von ständigem Lernen, wobei ich nicht das Wissen der Bücher bzw. des Internets meine. Wirklich wichtig sind Lebenserfahrung und Persönlichkeit. Und gerade dieses Wissen lässt sich nicht in Büchern nachlesen – man muss es sich aneignen, indem man interessante, neue Dinge erlebt, neue Menschen kennen lernt und – das ist das wichtigste – Spaß am Leben hat. Und genau aus diesem Grund ist jeder Cent, den ich abends am Tresen lasse eine echte Bereicherung für mich. Mein Geldbeutel wird geleert, mein Leben jedoch erfüllt. Ich lerne nette Leute kennen, die mir vielleicht einmal weiterhelfen können oder die mir wichtige Informationen liefern. Ich höre Musik und tanze, was gut für Körper und Seele ist Platz in meinem Kopf für neue, frische Ideen schafft. Natürlich beschränkt sich der Untersuchungsbereich nicht auf Bars und Alkohol. Beispiel Shopping: Ich schlendere Kauf’, was dir gefällt! Denn wenn du dich selbst wohl fühlst, dann spüren das auch deine Mitmenschen; sie werden dir offener und hilfsbereiter begegnen. Und das nicht nur im Privatleben. Die Ökonomie ist keine mathematisch präzise berechen- und beeinflussbare Wissenschaft, da immer der Faktor Mensch in Gestalt des Homo Oeconomicus seine Finger im Spiel hat. Angenommen, wir investieren 3 Jahre lang. Kein sparen, kein zu hart Arbeiten und auch kein theoretisches Wissen Pauken. OK, dann entgehen uns in diesen drei Jahren einige zigtausend Euro. Aber wenn wir dadurch, wie ich es postuliere, unseren eigenen Horizont erweitern und nach diesen drei Jahren 10.000 Euro – was dem nach Niederstwertprinzip berechneten Return on Investment (ROI) der Freizeitinvestitionen entspricht – mehr verdienen als sonst, ist der Break-Even-Point schon nach wenigen Jahren erreicht und danach machen sich schnell Zinseszinseffekte bemerkbar, die den Ertrag logarithmisch ansteigen lassen.
Kurzum, jeder in Spaß investierte Cent ist langfristig mindestens doppelt so gut angelegt als auf dem Sparbuch oder in Aktien.
Diese Regel gilt freilich nicht uneingeschränkt. Entwickelt und erprobt wurde das Theorem mit Studenten, lässt sich jedoch auch auf andere Lebensabschnitte übertragen. Seine Grenzen erfährt es mit zunehmendem Alter. Auch auf Personen, die am Rande des Existenzminimums leben, lässt sich das Investitionstheorem nicht in allgemeiner Form anwenden. Außerdem wurden einige Faktoren ceteris paribus gesetzt. So gilt c.p. dass die Freizeitaktinvestitionen nicht zu dauerhaften, schwerwiegenden physischen oder psychischen Schäden führen, wie dies z.B. bei Drogenkonsum der Fall wäre. Aber, das sei an dieser Stelle angemerkt: Kein Alkohol ist auch keine Lösung.
Um die Wirkung der Freizeitinvestitionen abschließend zu verdeutlichen, sei hier ein weiteres – diesmal negativ formuliertes – Beispiel angeführt. Ich könnte auch zu Hause bleiben, weiterhin meinen Trost und Lebenssinn am Boden des Penner-Maßes suchen, sinnlose Texte verfassen, irgendwann vom Sofa ins Bett krabbeln und mich gemütlich meinen Träumen hingeben. Das wäre ohne Zweifel billig; jedoch nicht günstig. Von was soll ich träumen, wenn ich nichts erlebe. Vom Fernsehprogramm? Mit wem soll ich über meine Träume sprechen? Mit meiner Cyber-Freundin? Und wie sollen meine Träume Wirklichkeit werden, wenn ich nicht bereit bin, dafür zu investieren? Was würde mein Selbstwertgefühl machen? Wahrscheinlich würde es sich bald mit dem Mittelpunkt der Erde bekanntmachen, ehe es sich am anderen Ende der Welt vor den Kiwis versteckt. Und spätestens dann wird auch mein Boss merken, dass mit diesem armen Kerl etwas nicht stimmt. Zugegeben, das wäre bei meinem unbezahlten Praktikum nicht so schlimm, aber so will ich nicht enden.
Deshalb werde ich jetzt investieren und Cocktails statt Tee trinken. Salud.

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